40er

Gründung der Volkshochschule Tübingen

Werbekarte für die vhs Tübingen aus dem Jahr 1947 Werbeplakat für die vhs Tübingen aus dem Jahr 1948

Der lange und strenge Winter ging nur zögerlich seinem Ende zu, als sich am 13. März 1947 etwa 80 Bürger und Bürgerinnen der Stadt Tübingen trafen, um eine Volkshochschule zu gründen. Die Initiative dafür war vor allem von den SPD-Mitgliedern Dr. Dieter Rosner und Kurt Berkmann sowie den Professoren Peter und Weischedel ausgegangen. An der Gründungsversammlung nahmen auch Oberbürgermeister Adolf Hartmeyer, Kulturamtsleiter Otto Bartels und Ernst Müller, der Mitherausgeber des Schwäbischen Tagblatts, teil. Gewerkschaften und Jugendverbänden zeigten genauso Interesse. Sie alle teilten den Wunsch, mit der Volkshochschule „allen Schichten des Volkes die Möglichkeit zu geben, sich geistig, sittlich und politisch zu bilden“. Insbesondere sollte bei den Hörern der Volkshochschule der „Geist der Humanität, der Demokratie, der sozialen Verantwortung und der Völkerverständigung“ geweckt und wirksam werden, wie es in der Satzung zum Zweck des Vereins festgelegt wurde. Mit dieser Zielsetzung gewannen die Gründer auch die französische Besatzungsregierung für das Projekt.

40er

Tübingen im Gründungsjahr der Volkshochschule

Zusammensetzung der Tübinger Bevölkerung nach Kriegsende
Das Kloster Bebenhausen nahe Tübingen
Im Kloster Bebenhausen tagte der Landtag von Württemberg-Hohenzollern.
Quelle: Rainer Halama, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 2.0

Die Wohnungssituation war auch in der Universitätsstadt Tübingen schwierig. Während des Krieges waren zwar nur ca. 80 Gebäude, davon 46 Wohnhäuser, zerstört worden, aber die Stadt war voller Menschen, wie das Diagramm zeigt. Am 15. Oktober 1945 hatte das erste Semester nach Kriegsende begonnen. Die Besatzungsmacht war neben den Kasernen in über 500 Wohnungen und über 1000 Einzelzimmern untergebracht. Auch erste Heimatvertriebene und „Ostzonenflüchtlinge“, zu denen für 1947 keine Zahlen vorliegen, waren vermutlich in der Stadt angekommen – viele waren es noch nicht, denn die französische Militärregierung hatte sich anfänglich geweigert, Heimatvertriebene aufzunehmen. Der Wohnraum in der Stadt reichte trotz der geringen Kriegszerstörungen kaum aus, um sie alle auch nur halbwegs angemessen unterzubringen.
Auch Räume, die für öffentliche Zwecke genutzt werden konnten, waren rar. Die französische Militärregierung hatte seit Juli 1945 ihren Sitz in Tübingen, und nur wenig später wurde die Stadt zur Hauptstadt des neuen Landes „Württemberg-Hohenzollern“.

Zur Wohnungsnot kam die schwierige Versorgungslage. Ein Erwachsener erhielt offiziell weniger als 1000 Kalorien pro Tag. Heizmaterial war ebenso wie Brot oder gar Fleisch Mangelware.

40er

Beginn der Arbeit der Volkshochschule

Aufnahme der Silberburg in Tübingen aus den 1940er Jahren
In der Silberburg fand die vhs Tübingen ihr erstes Zuhause.

Doch die neu gegründete Volkshochschule machte sich schon wenige Tage nach der Gründung an die Arbeit. Am 21. April startete das erste Trimester, auch wenn es weder „Kohlen zum Beheizen der Unterrichtsräume, noch Glühbirnen zu deren Beleuchtung gab und nur auf Umwegen Papier für die Arbeitspläne beschafft werden“ konnte, wie Karl König in seinem Rückblick von 1979 in den Tübinger Blättern berichtete. Die Geschäftsstelle war in der Silberburg, Im Wiener Gäßle 1 untergebracht. Der Unterricht fand in Schulräumen und zum Teil auch in Räumen der Universität statt. 1.744 Hörerinnen und Hörer nahmen das neue Bildungsangebot wahr.

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40er

Heimatvertriebene in Tübingen

Die französische Besatzungsregierung hatte sich bis 1947 erfolgreich gegen den Zustrom von Flüchtlingen aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie, welche nun unter sowjetischer, polnischer beziehungsweise tschechischer Verwaltung standen, abgeschottet. 1946 betrug der Anteil der Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung in der Zone nur 1,5 Prozent. In Schleswig-Holstein, das die höchste Flüchtlingsquote hatte, lag der Anteil bei 33,3 Prozent. Doch dann kamen nach Verhandlungen mit der US-amerikanisch-englischen Bizonenverwaltung zwischen 1947 und 1949 doch zehntausende Ostflüchtlinge in das französische Besatzungsgebiet. Gleich 1947 wurde in Bad Niedernau ein Flüchtlingsdurchgangslager eingerichtet Die Verwaltungsberichte der Stadt dokumentieren, dass von dort auch Menschen nach Tübingen kamen. 1950 lebten 3.044 Heimatvertriebene in der Universitätsstadt. Ende 1952 waren es, einem Bericht über die Lage der Stadt in den Tübinger Blättern zufolge, 4.241 Heimatvertriebene und 2.507 „Ostflüchtlinge“, die in Tübingen eine neue Heimat finden sollten. Die Gesamtbevölkerung der Stadt war jedenfalls zwischen 1950 und 1953 von rund 37.500 auf rund 43.000 angewachsen. Die Studentenzahl hatte zugenommen. Doch mit der Gründung des Landes Baden-Württemberg und der Entscheidung für Stuttgart als Landeshauptstadt verließen auch viele „Hauptstadt-Beamten“ die Stadt.

50er

Volkshochschule und Heimatvertriebene

1953 publizierte Dr. Hans-Horst Schrey, der damalige Erste Vorsitzende der Volkshochschule, einen Beitrag zur „Erwachsenenbildung gestern und heute“ in den Tübinger Blättern, in dem er auch auf die Heimatvertriebenen Bezug nimmt: Diese Menschen, die allen materiellen Besitz verloren hätten,

„hatten doch ein unabweisbares Anrecht darauf, sich wieder eine geistige Heimat und geistigen Besitz zu erwerben. Zudem kam die große geistige Hilflosigkeit und das Suchen nach einem Lebensinhalt und einer Deutung des gewaltigen Geschehens dazu.“

Doch so einfach war es nicht, die Heimatvertriebenen für die Teilnahme an Volkshochschulveranstaltungen zu gewinnen. Im Oktober 1951 resümierte die Geschäftsführung der Volkshochschule, die seit einem Jahr in ihre Geschäftsstelle in der Grabenstraße 15 hatte, im Jahresbericht die bis dahin erfolgten Bemühungen:

„Auch die von uns angestrebte Zusammenarbeit mit den Landsmannschaften der Heimatvertriebenen ist noch nicht so aufgenommen worden, wie es von uns angeregt wurde.“
Schaukastenwerbung für die vhs Tübingen aus dem Jahr 1952
Schaukastenwerbung für die vhs Tübingen aus dem Jahr 1952

Die Landsmannschaften würden zum Teil, wie zum Beispiel die Schlesier, versuchen, eigene Bildungswerke aufzubauen. Sie regte deshalb an, dass das Kulturamt die Gruppen zusammenbringen und die Bildungsarbeit koordinieren sollte. Das mangelnde Interesse der Heimatvertriebenen an der Volkshochschule lag möglicherweise nicht nur an den Bildungsangeboten der eigenen Landsmannschaften. Ein Grund könnte auch die wirtschaftliche Lage der Menschen gewesen sein, die nach Flucht und Vertreibung alles verloren hatten und einem Bericht von 1953 zufolge bundesweit im Durchschnitt deutlich weniger verdienten als die alteingesessenen Bürger. Da sie zudem keinen materiellen Besitz mehr hatten, konzentrierten sich sicherlich viele auf den Aufbau einer neuen Existenz. Die Tübinger Volkshochschule hatte unter ihren Hörern auch einen sehr geringen Anteil an Arbeitern. Vorstand und Geschäftsführung erkannten als einen Grund dafür, dass viele der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Orten um Tübingen herum lebten und abends kaum die Möglichkeit hatten, zu Veranstaltungen der Volkshochschule in die Universitätsstadt zu kommen. Wahrscheinlich hatten viele auch schlicht und einfach keine Zeit: bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von knapp 48 Stunden pro Woche.

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50er

Veranstaltungen an der Volkshochschule für Heimatvertriebene

Die Leitung der Volkshochschule tat dennoch ihr Bestes, um auch Heimatvertrieben und „Ostzonenflüchtlinge“ mit Bildung und Begegnungsmöglichkeiten zu versorgen. So gab es Anfang der 1950er Jahre eine Kooperation mit dem Jugendsozialwerk, das zuerst im CVJM-Heim auf dem Schnarrenberg und dann im eigenen Gebäude des Jugendsozialwerks in der Eugenstraße und auf dem Einsiedel gemeinsam mit der Volkshochschule Kurse abhielt, „um den aus der Ostzone geflüchteten jungen Menschen bildungsmäßig“ weiterzuhelfen, wie Heinz-Horst Schrey in seinem Beitrag über Erwachsenenbildung in den Tübinger Blättern 1953 ausführt.

50er

Möglichkeiten der Begegnung schaffen

Für 1952 plante die Volkshochschule mit zwei Architekten eine Veranstaltung mit dem Titel „Kleine Baukunde für jedermann“, bei der sie versuchte, „die an der Siedlung interessierten Kreise der Landsmannschaften bei einer gemeinsamen Aufgabe mit den Altbürgern zusammenzubringen“. Auch andere Programmpunkte wurden durchgeführt, durch die Neubürger mit „der Heimatkunde der neuen Heimat“ und die „Altbürger mit der Heimat der vertriebenen Brüder bekannt“ gemacht werden sollten.
Schon im 3. Trimester 1951 hatte die vhs Tübingen gemeinsam mit dem Verband der Heimatvertriebenen eine Stadtführung angeboten, um „das Heimischwerden der vertriebenen Brüder und Schwestern aus dem deutschen Osten in unserer Stadt zu fördern“. Theodor Haering, der an der Universität Professor für Philosophie gewesen war, bat bot die Führung an. Wegen seiner NS-Verstrickung hatte die Universitätsspruchkammer ihn 1948 als „Mitläufer“ eingestuft und er für drei Jahre seine Bürgerrechte sowie seine Professur verloren. 1951 wurde er emeritiert und gleichzeitig rehabilitiert.
Haering war lange Zeit Vorsitzender der Tübinger Museumsgesellschaft und veröffentlichte nicht nur philosophische und literarische Werke, sondern auch Bücher zur Tübinger Heimatkunde. Auch nach seiner Rehabilitierung hielt er an seiner antidemokratischen Haltung und der „geistigen Rassenkunde“ fest. Das hinderte Anfang der 1950er Jahre jedoch weder die Volkshochschule daran, mit ihm eine Veranstaltung zu planen, noch 1957 die Stadt, ihn zum Ehrenbürger zu ernennen – eine Auszeichnung, die ihm erst knapp 50 Jahre nach seinem Tod 2013 wieder aberkannt wurde.

50er

Informationen über die Herkunftsgebiete der Vertriebenen

Plakat der Volkshochschule Tübingen aus dem Jahr 1957
Plakat der Volkshochschule Tübingen aus dem Jahr 1957

Im zweiten Trimester 1952 folgte eine Reihe von Lichtbildvorträgen über den „Deutschen Osten“ und im Wintertrimester eine Reihe über „Ostpreußen, Pommern und Schlesien.“ Beide Male war ein „Dr. Portzehl“ als Referent dabei. Möglicherweise handelte es sich dabei um Dr. Willi Portzehl, der 1917 in Königsberg promoviert hatte und dann nach dem Zweiten Weltkrieg in Tübingen als Lehrer arbeitete. Die zweite Reihe bot er gemeinsam mit Hans Heider an, der 1957 in Kooperation mit dem Heimatdienst Südwürttemberg-Hohenzollern e.V. (Vorläufer der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg) eine Veranstaltung über „Das Problem der Oder-Neiße-Linie“ anbot. Im Februar und April 1959 bot die Volkshochschule zwei Vorträge von Dr. Ernst Schremmer an, in denen „Die deutschen Ostgebiete“ und „Der Beitrag des deutschen Ostens zur europäischen Kunst“ behandelt wurden. Der Referent war Geschäftsführer der Künstlergilde e.V. mit Sitz in Esslingen, dem bereits 1948 gegründeten „Verband ostdeutscher, heimatvertriebener, geflüchteter Künstler“. Sein ausdrücklicher Zweck war die „Pflege ostdeutschen Kulturgutes“. Im Mai und Juni 1962 wurden drei Vorträge über „Polen heute“ angeboten: „Die geistigen Strömungen im heutigen Polen“, „Deutsch-polnische Nachbarschaft“ und „Die deutschen Ostgebiete unter polnischer Verwaltung“. Referenten waren Dr. Hans Roos und Dr. Karl Lerch. Roos arbeitete als Polen-Spezialist am Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Universität Tübingen. Mit Lerch hatte die Volkshochschule den stellvertretenden Chefredakteurs des Schwäbischen Tagblattes gewinnen können.

50er

Fazit

Das Museum in Tübingen in den 1950er Jahren
In den 1950ern zog die vhs in das Gebäude des Museums um.

Die Volkshochschule bemühte sich in den 1950er Jahren also durchaus, den Heimatvertriebenen und aus der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR geflohenen Menschen, ein Bildungsangebot bereitzustellen und gleichzeitig den Tübinger „Altbürgern“ die Gelegenheit zu geben, sich über die Herkunftsgebiete der Heimatvertriebenen zu informieren. Bemerkenswert ist, dass die vhs dabei nicht nur auf Bildung, sondern auch auf Begegnungsmöglichkeiten abzielte. Heimatvertriebene waren auch als Spezialisten ihrer Sache eingebunden, indem sie als Referenten tätig wurden. Versteht man Integration als einen Prozess der Gegenseitigkeit, für den die Ankommenden ebenso verantwortlich sind wie die aufnehmende Gesellschaft, so kann dieses Projekt der 1950er Jahre als Beitrag der Volkshochschule zur Integration der Heimatvertriebenen und der aus der sowjetischen Besatzungszone/DDR geflüchteten Menschen betrachtet werden.
Die Volkshochschule Tübingen konnte sich Ende der 1950er Jahre zudem räumlich und auch personell stabilisieren. Nach mehreren Wechseln in der Geschäftsführung wurde 1956 Gertrud Zapp Leiterin der vhs. Sie blieb, bis sie 1984 in den Ruhestand ging. 1957 zog die Geschäftsstelle in das Museum in der Wilhelmstraße um, wo sie nun einen eigenen Veranstaltungsraum hatte. Die Kurse aber fanden nach wie vor über die Stadt verstreut in verschiedenen Schulen statt.

60er

Die 1960er Jahre: Öffnung für andere Länder, Kulturen und Ausländer

Italienische Gastarbeiter in Hannover
Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F040741-0006 / Schaack, Lothar via Wikimedia Commons CC-BY-SA 3.0
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60er

„Gastarbeiter“ in Tübingen

Bevölkerungsstatistik Tübingen 1960er Jahre
Quelle: Tübingen in Zahlen

Schon 1955 unterzeichneten Deutschland und Italien die „Vereinbarung über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften nach der Bundesrepublik Deutschland“.

Fabrikgebäude Egerie Tübingen
Moderne Aufnahme des Egeria-Fabrikgebäudes in Tübingen
Quelle: Caroline Maybach, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0

Der größte industrielle Arbeitgeber Tübingens, die Frottierweberei Egeria, hatte schon 1955 einen Arbeiter, Luciano Vivaldi, aus Italien eingestellt, in den nächsten Jahren kamen weitere nach. Wie der Lustnauer Heimatforscher Richard Kehrer sich 2010 erinnerte, beschäftigte Egeria Ende der 1950er Jahre insgesamt rund 1.500 Arbeiterinnen und Arbeiter: „Das gab's sonst nirgendwo in Tübingen“. Für die italienischen Arbeitskräfte errichtete die Firma Wohnbaracken neben der Fabrik.

Ein Großteil der neu hinzukommenden Ausländer waren Männer. Die erste Phase des Zuzugs von Gastarbeitern hatte begonnen. Firmen wie der Haushaltsgeräte-Hersteller Zanker, die Textilfabrik Egeria und der Elektromotoren-Produzent Himmelwerke benötigten Arbeitskräfte, die sie im Ausland fanden.

Die ZDF-Fernsehserie „Bella Germania“ porträtiert das Schicksal der italienischen Gastarbeiter von den 1950er Jahren bis heute.

Jan Weiler schreibt in „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ amüsant über seine italienische Gastarbeiterfamilie.

60er

Informationen über andere Länder und Kulturen

Einladungsplakat Arbeitskreis Entwicklungsländer aus dem Jahr 1965
Einladungsplakat zum Arbeitskreis Entwicklungsländer aus dem Jahr 1965
Plakat Vortrag Aetna aus dem Jahr 1965
Einladungsplakat zum Vortrag über den Ätna aus dem Jahr 1965

Im Programm der Volkshochschule spiegelte sich das durchaus wider – wenn auch nur im kleinen Maßstab. Allerdings nahm das Angebot an Veranstaltungen zu, die sich mit anderen Ländern und Kulturen befassten. Das lag sicherlich nicht nur daran, dass sich zunehmend Menschen aus dem Ausland in Deutschland niederließen. 1963 war in der Bundesrepublik ein einheitliches Bundesurlaubsgesetz in Kraft getreten, das 18 Werktage Mindesturlaub vorschrieb, ein Jahr später setzte sich in der Metallbranche erstmals der Tarifanspruch auf Urlaubsgeld durch. Obwohl viele Deutsche ihren Urlaub noch im Inland verbrachten, nahmen auch die Auslandsreisen zu. Bereits 1962 hatten von den 14 Millionen Deutschen, die eine Urlaubsreise unternahmen, knapp 40 Prozent ein Reiseziel im Ausland.
Die Volkshochschule Tübingen griff das Interesse für fremde Länder auf und bot Lichtbildervorträge wie „Jugoslawien – Land voller Gegensätze“ (1960/61) an, informierte über „Weiße und Schwarze in Brasilien“ (1967) und „Frankreich – unser Nachbarland“ (1965/66). Auch speziellere Landeskunde wie „Zentren der französischen Kunst und Kultur“, „Islamische Kunstdenkmäler“ in Kairo, Südspanien und der Türkei oder „Tunesien – Kunst und Landschaft“ stand auf dem Programm. Referentin war Dr. Vera Hell, die zahlreiche Kunst- und Reiseführer veröffentlicht hatte. Die Volkshochschule vermutete ein zunehmendes Interesse an anderen Kulturen, wie Vortragskurse wie „Die Welt des Islam“ (1965/66 von Friedrich A. Schiler, Kulturredakteur des SWR-Vorläufers SWF) und „Indien“ (1968). Veranstaltungen dieser Art bedienten sicher auf der einen Seite das Fernweh vieler Menschen, öffneten aber auch den Blick auf die Herkunftsländer und Kulturen der „Gastarbeiter“, die immer öfter zu Nachbarn wurden.

60er

Kurse für Ausländer/-innen in Tübingen

Deutsche Sprache für Ausländer Deutschburs für vhs-Gastarbeiterkurse in den 1960er Jahren
Das für den Deutschunterricht von Gastarbeitern in den 1960er Jahren in der vhs Tübingen genutzte Deutschlehrwerk

Arbeiter hatten immer nur einen geringen Anteil an den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Volkshochschule. Zu Beginn der Zuwanderung gingen viele Menschen davon aus, dass die Arbeitskräfte aus Italien und bald auch aus Griechenland, der Türkei und Jugoslawien nach kurzem Arbeitsaufenthalt wieder in ihre Heimatländer zurückkehren würden. Erst ab Mitte der 1960er Jahre entstand eine Art Problembewusstsein. So beschäftigte sich beispielsweise die Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft deutscher wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute e. V. in Bad Godesberg am 24. und 25. Juni 1966 mit „Probleme(n) der ausländischen Arbeitskräfte in der Bundesrepublik“.

Etwas gegen diesen Trend bot die Volkshochschule Tübingen bereits 1960/61 einen Kurs „Deutsch für Italiener“ an, der 1961 fortgeführt wurde. Kursleiter war Bruno Schneck, der lange Zeit als Englisch- und Musiklehrer und Konrektor an Tübinger Realschulen arbeitete und nach seiner Pensionierung als Bildhauer zahlreiche Holzskulpturen schuf. Wie seine Frau berichtete, kam er nach einer Italienreise auf die Idee, einen Deutschkurs für Italiener anzubieten.

Als Lehrbuch verwendete er „Deutsche Sprachlehre für Ausländer“ von Schulz-Grießbach. Der Kurs „Deutsch für Italiener“ taucht allerdings dann in den folgenden Jahren nicht mehr in den vhs-Programmen auf.

Bereits 1966 bot die Volkshochschule einen allgemeinen Kurs „Deutsch für Ausländer“ für Hörer ohne Vorkenntnisse an, der an zehn Abenden in der Hölderlin-Schule stattfand und 15 Teilnehmer hatte. Die Gebühr betrug für Erwachsene 15 DM, für Jugendliche 10 DM. Im darauffolgenden Semester fanden zwei solcher Kurse statt, einer wieder für Teilnehmerinnen und Teilnehmer ohne Vorkenntnisse und einer für solche mit Vorkenntnissen. Die Kurse umfassten nun 20 Abende und kosteten für Erwachsene 30 DM, für Jugendliche 25 DM. Der Anfängerkurs hatte 21 Teilnehmer/-innen und der Fortgeschrittenenkurs 33. Das spricht dafür, dass die Nachfrage nach Deutschkursen vorhanden war. Der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters lag in diesen Jahren bei etwa 320 DM.
In den frühen 1970er Jahren wurden dann auch wieder auf Herkunftsländer zugeschnittene Deutschkurse angeboten. Im Wintersemester 1972/73 gab es „Deutsch für Jugoslawen“, im Sommersemester 1973 dann „Deutsch für Griechen“ und „Deutsch für Türken“.

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60er

Fazit

In den 1960er Jahren realisierte die Volkshochschule die Zunahme von ausländischen Arbeitnehmer/-innen in Tübingen sehr früh und war offensichtlich schnell bereit, Deutschkurse für die Zugezogenen anzubieten. Aber es waren Versuchsballons, die vor allem zu Beginn der 1960er Jahre noch nicht auf großen Zuspruch stießen. Anfänglich gab es eine Tendenz, eher Deutschkurse für einzelne Nationalitäten zu planen. Aber schon ab 1966 startete sie Versuche, Deutschkurse für alle Ausländer anzubieten.

70er

Die 1970er Jahre: Die Deutschkurse etablieren sich

Stocherkahnrennen Neckar in Tübingen, 1977
Quelle: Michael Fiegle at German Wikipedia, CC-BY-SA 3.0
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70er

Erste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit und Beginn der sprachlichen Qualifizierung von ausländischen Arbeitnehmer/-innen mit staatlicher Unterstützung

Bereits 1965 hatte Max Frisch im Vorwort zu dem Buch «Siamo italiani – Die Italiener. Gespräche mit italienischen Arbeitern in der Schweiz» von Alexander J. Seiler festgestellt:

„Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“
Einbürgerungsurkunde eines italienischen Gastarbeiters, 1992
Aus Gastarbeitern werden dauerhafte Zuwanderer: Einbürgerungsurkunde eines italienischen Gastarbeiters aus dem Jahre 1992
Quelle: privat

Der Satz wurde in den 1970ern zur Parole in der Auseinandersetzung über die Situation der „Gastarbeiter“, aus denen im Laufe dieser Debatte zuerst „ausländische Arbeitnehmer“ und schließlich „Arbeitsmigranten“ wurden. Es war offensichtlich geworden, dass nur ein Teil der angeworbenen Arbeiterinnen und Arbeiter wieder in die Herkunftsländer zurückkehrte, wie es in den Zeiten der Anwerbeabkommen geplant gewesen war.

In immer zahlreicher werdenden Publikationen wurde die soziale Lage der „Gastarbeiter“ behandelt (z.B. Klee 1971, Marplan, Forschungsgesellschaft. für Markt 1970) und über ihre geglückte oder nicht geglückte Integration nachgedacht (z.B. Karl Bingemer 1970). „Gastarbeiter“ wurden plötzlich als „Mitbürger“ betrachtet (z.B. René Leudesdorff u. Horst Zilleßen, 1971) und man reflektierte, welchen Einfluss Bezeichnungen wie „Fremdarbeiter“ und „Gastarbeiter“ auf die Einstellungen gegenüber ausländischen Arbeitern hatte (Peter Schönbach).

Wirtschaftswachstum und Arbeitslosenzahlen Deutschland 1970er Jahre
Quelle: Konrad-Adenauer-Stiftung, S. 26

Nach der Ölkrise schrumpfte das Wirtschaftswachstum und stieg die Arbeitslosigkeit. Unter den Arbeitslosen befanden sich natürlich auch die häufig noch immer so genannten „Gastarbeiter“. Sie hatten in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt und daher auch ein Anrecht, Leistungen daraus zu beziehen. So setzte nun auch von staatlicher Seite allmählich ein Umdenken ein, wie dieser Teil der Arbeitslosen so qualifiziert werden konnte, dass er wieder in „Lohn und Brot“ kam. Die lange versäumte Unterstützung beim Spracherwerb nahm ihren Anfang.

70er

Der Sprachverband Deutsch für ausländische Arbeiternehmer

1974 wurde der Sprachverband Deutsch für ausländische Arbeitnehmer e. V. auf Initiative des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung gemeinsam mit der Bundesanstalt für Arbeit, dem Deutschen Volkhochschulverband und Trägern der freien Wohlfahrtspflege gegründet. Der Sprachverband förderte Sprachkurse für ausländische Arbeitnehmer und deren Familienangehörige aus EG-Mitgliedstaaten, der Türkei, Marokko, Tunesien, dem ehemaligen Jugoslawien und für ehemalige Vertragsarbeitnehmer der früheren DDR, aus Angola, Mosambik und Vietnam. Die hierfür vom Bund zugewendeten Projektmittel wurden für die Honorare der Kursleiter, für sozialpädagogische Betreuer und Mitarbeiter in der Kinderbetreuung gezahlt. Hinzu kamen eine Sachkostenpauschale und ein Kostenzuschuss für den Kauf von Deutschbüchern. Die Deutschkurse waren damit auf ein sichereres finanzielles Fundament gestellt – auch an der vhs Tübingen. Dafür konnten Kursleiter/-innen die Lehrwerke aber nicht mehr selbst wählen, sondern mussten sich für eines entscheiden, das der Sprachverband empfahl. Wer sein Buch auf der Liste der empfohlenen Lehrwerke sehen wollte, musste es an der Methode des handlungsorientierten Unterrichts ausrichten. Ausgehend von der realen Lebenssituation der Lerner sollte so die Kommunikationsfähigkeit in der deutschen Sprache gefördert werden. Dies setzte einen Standard, sowohl für die Unterrichtsmethodik als auch für den Umfang der Kurse.

70er

Tübingen in den 1970er Jahren

Bevölkerungsstatistik Tübingen 70er Jahre
Quelle: Tübingen in Zahlen (bis 1974)/Landesamt für Statistik Baden-Württemberg (ab 1974)
Tübingens Oberbürgermeister Eugen Schmid
Tübingens neuer Oberbürgermeister Eugen Schmid kam 1975 in sein Amt.
Quelle: EMPTy, TÜpedia, CC-BY-SA 3.0

Die Stadt Tübingen war in einer Umbruchphase. 1972 hatte die Stadtverwaltung mit der Altstadtsanierung begonnen. 1975 endete die lange Amtszeit von Oberbürgermeister Hans Gmelin – er hatte die Stadt seit 1954 regiert. Sein Nachfolger wurde Eugen Schmidt. Das Ende des deutschen „Wirtschaftswunders“ führte auch in Tübingen dazu, dass Firmen, die den Anschluss an neue Technologien nicht rechtzeitig in die Wege geleitet hatten, in wirtschaftliche Schwierigkeiten kamen oder gar schließen mussten. In Tübingen war der Haushaltsgeräte-Hersteller Zanker davon ebenso betroffen wie die Lustnauer Frottierweberei Egeria. Der Zuzug von ausländischen Arbeiterinnen und Arbeitern stagnierte dementsprechend in diesem Jahrzehnt.

70er

Die vhs Tübingen in den 1970er Jahren

Schwabenhaus Tübingen
Das Schwabenhaus wurde 1978 die neue Heimat der vhs Tübingen

1970 konnte die Volkshochschule zum ersten Mal über 10.000 Teilnehmer pro Jahr verzeichnen. Die Räumlichkeiten in der zweiten Etage des Museums hatten sich längst als zu beengt herausgestellt und immer wieder gab es Optionen für einen Umzug, die dann doch wieder zerschlagen wurden. Am 8. April 1976 hatte der Gemeinderat beschlossen, das Schwabenhaus in der Gartenstraße 12 zum vhs-Gebäude zu machen. Dieses Mal konnte der Plan realisiert werden. Zwei Jahre nach dem Beschluss übergab Oberbürgermeister Dr. Eugen Schmid das renovierte Gebäude an die Volkshochschule.

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70er

Ausweitung des Angebots bei den Deutschkursen

Fragebogen für Ausländer in Tübingen, Sommer 1972
Mit einem Fragebogen ermittelte die vhs Tübingen 1972 den Bedarf an Deutschkursen unter den Gastarbeitern in den Unternehmen der Stadt.
Stadtarchiv Tübingen, Sig. D10/1491, Blatt 33

Schon vor dem Umzug baute die Volkshochschule ihre Deutschkurse aus. Im Sommer 1972 versandte sie an alle wichtigen Tübinger Firmen einen Fragebogen. Zum einen wollte sie erfahren, welcher Bedarf an Deutschkursen für diese Zielgruppe bestand. Zum anderen wollte sie aber auch herausfinden, ob die Firmen bereit wären, Lohnausfall zu bezahlen, wenn während der Arbeitszeit Deutschunterricht erteilt würde und ob die Unternehmen den Deutschunterricht insgesamt finanziell unterstützen würden. Die Umfrage hatte wohl einen Rücklauf, denn im Schwäbischen Tagblatt findet sich am 11.09.1973 der Hinweis, dass ein Ergebnis der Fragenbogen-Aktion bei den Firmen die Verteilung „mehrsprachiger Flugblätter“ sei, auf denen auf die Sprachkurse der vhs hingewiesen werde. Ab dem Wintersemester 1973/74 gab es im Programmheft eine eigene Rubrik nur für Deutschkurse. Einige Zeit wurden noch Deutschkurse nach Herkunftsländern angeboten. Ab dem Wintersemester 1974/75 aber gab es ein ganz neues Angebot: „Deutsch für ausländische Arbeitnehmer aus Anwerbeländern“ mit dem Vermerk, dass bei ausreichender Beteiligung eine Förderung durch das Arbeitsamt möglich sei. Eine ganze Reihe dieser Kurse wurden durchgeführt.

Daneben bot die Volkshochschule aber auch speziellere Kurse an, die vermutlich nicht gefördert wurden. Beate Jung, die zuerst Englischkurse an der vhs gegeben hatte und dann ab 1978 viele Jahre in Deutschkursen arbeitete, bot beispielsweise 1978/79 einen Kurs „Deutsch richtig schreiben“ an, in dem „ausländische Teilnehmer, die Deutsch verstehen, aber noch nicht gut schreiben können, in Verbindung mit Grammatikunterricht richtig schreiben und gut sprechen lernen.“ Im selben Semester gab es einen Vorbereitungskurs für das Zertifikat „Deutsch als Fremdsprache“, der am 11.09.1978 startete. Die Prüfung konnte man inzwischen ebenfalls an der Volkshochschule ablegen. Die Teilnehmer/-innen am Vorbereitungskurs konnten im Anschluss am 11.11.1978 die Zertifikatsprüfung ablegen.

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70er

Fazit

Die vhs Tübingen reagierte in den 1970er Jahren schon früh auf den gesellschaftlichen Wandel in der Wahrnehmung von Arbeitsmigrant/-innen. Sie stellte einen Bildungsbedarf im Spracherwerb fest und bemühte sich, diesen genauer zu ermitteln und ein entsprechendes Angebot bereitzustellen. Um dies auch kostengünstig planen zu können, fand sehr schnell eine Kooperation mit dem Arbeitsamt statt. Bald wurden die Deutschkurse über den Sprachverband Deutsch für ausländische Arbeitnehmer e. V. gefördert, der bei einer ausreichenden Zahl von Teilnehmenden, welche die Förderkriterien erfüllten, den gesamten Kurs finanzierte.

80er

Die 1980er Jahre: Engagierte Kooperation mit Migrant/-innen

Stocherkahnrennen auf dem Neckar in Tübingen, Sommer 1972
Quelle: Rainer Halama, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0
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80er

Tübingen in den 1980er Jahren

Bevölkerungsstatistik Tübingen 1980er Jahre
Quelle: Landesamt für Statistik Baden-Württemberg

Seit den 1970er Jahren hatte die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit deutlich an Intensität gewonnen. Während der gesamten 1980er Jahre erschienen Gesamt- und Detailstudien über Deutschland zwischen 1933 und 1945, die zum Teil zahlreiche Leser/-innen fanden. Besonders bedeutsam für Tübingen war das Buch von Lilli Zapf über „Die Tübinger Juden“, das 1974 im Tübinger Verlag erschienen war.

80er

Der Ausländer-Arbeitskreis an der Volkshochschule

Dieser Einstellungswandel zeigt sich auch im Programm und im Vorgehen der Volkshochschule Tübingen. Im Programmheft für das Sommersemester 1980 wurde die Gründung eines Ausländer-Arbeitskreises angekündigt. Ziel war, die bereits bestehenden Initiativen zu fördern und zu koordinieren und gemeinsam mit Ausländern Veranstaltungen zu planen und durchzuführen. In der Einladung zum ersten Treffen am 4. April 1980, das im Clubhaus des Schwabenhauses stattfinden sollte, wurde vor allem der letzte Aspekt hervorgehoben. Eine Anregung war, jährlich eine Woche zu organisieren, in der eine Nationalität Informationen über Land und Leute, Geschichte und kulturelle Traditionen präsentieren sollte. Aber auch Dichterlesungen, Ausstellungen, Reiseberichte und Kochkurse wurden als Programmpunkte vorgeschlagen. In einem Bericht im Schwäbischen Tagblatt vom Juli 1987 wurde daran erinnert, dass sich bei diesem Gründungstreffen insgesamt fünfzig Interessierte trafen. Dabei waren auch zwölf Organisationen, die sich mit „Ausländerarbeit“ befassten. Sie alle seien sich einig gewesen, dass die Situation der Ausländer in der Bundesrepublik miserabel sei.

80er

Aktivitäten des Ausländer-Arbeitskreises

Bei den weiteren Treffen kristallisierten sich einige Arbeitsbereiche heraus, die mit der Programmgestaltung der Volkshochschule nichts unmittelbar zu tun hatten, aber dort ansetzten, wo der Schuh drückte. Es bildeten sich Arbeitsgruppen, die sich darum kümmerten, wie Kindern aus Migrantenfamilien bei den Hausaufgaben geholfen werden und wie die Schulen besser auf die Bedürfnisse ausländischer Kinder eingehen konnten. Zudem wurde ein Betreuungs- und Dolmetscherdienst für ausländische Patienten in den Universitätskliniken initiiert. Eine weitere Gruppe führte eine Befragung durch, welchen Bedarf es für die Beratung von Ausländern gab. In der Tübinger Öffentlichkeit wurde insbesondere der Vorstoß zur Betreuung von ausländischen Patientinnen und Patienten wahrgenommen. „vhs-Arbeitskreis organisiert jetzt auch Dolmetscher- und Betreuungsdienst“ übertitelte das Schwäbische Tagblatt am 18.07.1981 einen längeren Beitrag. Die Klinikchefs seien von der Initiative begeistert, hieß es in dem Artikel, allerdings habe die Rechtsabteilung der Universität zuerst abgeblockt, da damit die ärztliche Schweigepflicht verletzt werde. Man habe nun aber eine Lösung gefunden. Wenn Patient oder Patientin zustimmten, dann könnte ein Dolmetscher bei den Arztgesprächen dabei sein. Eine Liste von zuverlässigen Personen liege den Kliniken bereits vor, sodass die Arbeit aufgenommen werden könne.

Schon 1981 zeichnete sich allerdings ein Problem ab: Zwar herrschte Einigkeit, dass die Situation von Arbeitsmigrant/-innen und ihren Kindern dringend verbessert werden musste. Aber bald traten wohl Konflikte darüber in den Vordergrund, was in dem Arbeitskreis geleistet werden konnte. Von Seiten der beteiligten Ausländer/-innen seien die Erwartungen an den Arbeitskreis zu hoch gesteckt und viele hätten sich bereits aus der Mitarbeit zurückgezogen, hieß es im Schwäbischen Tagblatt. Bis Mai 1982 lässt sich die Arbeit des Arbeitskreises anhand von vhs-Akten noch grob nachvollziehen, im Sommersemester 1982 ist er dann ein letztes Mal im Programmheft aufgeführt. Zum letzten bekannten Treffen, das sich mit der „Situation der Kinder von ausländischen Arbeitern“ beschäftigte, hatte der Landtagsabgeordnete Roland Hahn von der SPD seine Teilnahme zugesagt. Einem Bericht von Seddik Bibouche zufolge, der im Ausländer-Arbeitskreis mitgearbeitet hatte, bestand der Arbeitskreis noch mindestens bis Ende der 1980er Jahre.

80er

Auswirkungen des Ausländer-Arbeitskreises auf die Programmgestaltung

Nicht expliziert thematisiert wurden in den Einladungen die Veranstaltungen, die gemeinsam mit Migrant/-innen geplant und durchgeführt werden sollten. Doch sie fanden statt. An der vhs Tübingen hatte es von Anfang an immer wieder und im Laufe der Zeit vermehrt Sprachkurse gegeben, die von Muttersprachler/-innen gegeben wurden. Doch nun tauchen auch im Bereich der politischen Bildung Referent/-innen auf, deren Namen auf einen „Migrationshintergrund“ schließen lassen.

Ausstellungsplakat 1980er Jahre vhs TübingenAusstellungsplakat 1980er Jahre vhs Tübingen
Ausstellungsplakat 1980er Jahre vhs TübingenAusstellungsplakat 1980er Jahre vhs TübingenAusstellungsplakat 1980er Jahre vhs Tübingen
Ausstellungsplakate der vhs Tübingen aus den 1980er Jahren

Von Modibo Keita beispielsweise wurde 1982 eine Vortragsreihe über „Entwicklungsmodelle in Afrika“ angeboten, Maria Teresa Uzúa organisierte im Dezember 1985 einen „Chilenischen Abend“ mit Fotos, Gesang und Berichten. Im selben Semester sprach Ekaterini Koukiari im „Deutsch-griechischen Club“, der sich an der Volkshochschule traf, über das „Leben der Frau in Griechenland“ und vom 18. bis zum 23. Oktober 1984 fand eine Türkische Woche statt mit Ausstellungen, Vorträgen und Festen. Sechs Jahre später, vom 25. bis zum 29. September 1990, fand erneut eine solche Woche statt, wieder in Kooperation mit dem Türkischen Studentenverein. Vom 11. April bis zum 16. Mai 1988 fand die Vortragsreihe „Länder im Brennpunkt“ statt. Sie startete mit der Veranstaltung „Chile – zornige Hoffnung“ von Alfonso Ugarte und Nilo Sagredo. Es folgten „Eritrea“ von Fuzum Semere und Ghermay Berhane, „Sri Lanka – strahlend schönes Land“ von Christiane Sutharkaran, „Irak“ von Dr. Nazmi El-Obeidi, „Iran“ von Ebrahim Mohammad-Alami und „Libanon am Wendepunkt“ von Said Arnaout. Migrant/-innen waren inzwischen selbstverständlich zu Experten über ihre Herkunftsländer geworden.

80er

Deutschkurs-Patenschaften

Im November 1981 fand an der vhs Tübingen eine Podiumsdiskussion über Asylrecht und Sammellager für Asylbewerber statt. Dabei wurde klar, dass zur „Sammellagerkonzeption“ auch gehörte, dass Asylsuchenden im Lager von der deutschen Sprache „lediglich die notwendigsten Brocken“ vermittelt werden sollte, wie das Schwäbische Tagblatt im Juli 1982 resümierte. „Dabei bleibt“, so der Artikel, „die Sprache neben der wirklichen Umzäunung eine der am schwierigsten zu überwindenden Lagermauern.“ Die Volkshochschule hatte keine Mittel, um zusätzliche Deutschkurse einzurichten und die Asylsuchenden konnten von ihrem geringen Taschengeld keine Kursgebühren bezahlen. So entstand im Laufe der Podiumsdiskussion die Idee, um „Paten“ zu werben, die sich an den Kursgebühren beteiligen sollten. Ein Spendenaufruf, der als Anzeige im Programmheft der vhs erschien, erfuhr ein „überraschendes Echo“, wie der pädagogische Mitarbeiter der vhs, Heinz Schuchmann, dem Schwäbischen Tagblatt mitteilte. Innerhalb kürzester Zeit seien 5.000 DM zusammengekommen. Die meisten der Spender verhielten sich tatsächlich wie Paten und überwiesen die Kursgebühr von 110 DM, die für eine Person zum Besuch eines Deutschkurses notwendig war. Auch eine Schulklasse sammelte ausreichend Geld für eine Patenschaft. Der Andrang bei den Kursen, die 51 Unterrichtseinheiten umfassten, war so groß, dass einige Interessierte abgewiesen werden mussten. In jeweils zwei Kursen pro Semester wurden dreimal wöchentlich 16 bis 18 Teilnehmer unterrichtet. Für das Wintersemester 1982/83 startete die vhs Tübingen einen erneuten Spendenaufruf.

80er

Politisierung der Flüchtlinge in Tübingen

Die Lage von Asylbewerbern konnten im Wintersemester 1984/85 auch die Tübinger/-innen in einem Kurs kennenlernen und reflektieren.

Thiepvalkaserne Tübingen
Moderne Luftaufnahme der Thiepval-Kaserne
Quelle: Dktue, TÜpedia, CC-BY-SA 4.0

1978 war die Thiepval-Kaserne vom französischen Militär geräumt worden, 1980 war das Stabsgebäude vom Wohnprojekt Schellingstraße besetzt worden und 1981 wurde im Hauptgebäude der Thiepval-Kaserne eine Sammelunterkunft für Asylbewerber eingerichtet. 1985 waren dort fast 600 Menschen untergebracht. Bis zu seiner Auflösung als Sammellager für Asylsuchende waren es 5.500 Flüchtlinge aus über 30 Ländern. Eine Studie, die Mitte der 1980er Jahre durchgeführt worden war, kam zu dem Ergebnis, dass 60 Prozent der dort untergebrachten Menschen an Depressionen litten, „50 Prozent übermäßig Alkohol konsumierten und 30 Prozent Anzeichen von Identitätsverlust zeigten“, wie der Spiegel am 19.08.1989 in einem Beitrag über Asylpolitik berichtete. Im März 1985 gingen die Asylsuchenden aus der Thiepval-Kaserne auf die Straße und demonstrierten gegen die Asylpolitik des Landes Baden-Württemberg und dabei insbesondere gegen die Lagerbedingungen und die Sammelverpflegung. Im Gefolge dieser Demonstration sammelte eine Bürgerinitiative in der Stadt 414 Unterschriften, um gegen die Zustände im Sammellager in der ehemaligen Kaserne zu protestieren. 1987 verdichtete sich das Engagement, um die aktuelle Lebenssituation von Asylsuchenden zu verbessern, in der Gründung des Asylzentrums Tübingen e.V..

80er

Fazit

In den 1980er Jahren machte sich der Einstellungswandel in Bezug auf Arbeitsmigrant/-innen und Asylsuchende in der Universitätsstadt Tübingen sehr stark bemerkbar. Zwei Faktoren sind für die Entwicklung in der Einstellung in diesem Jahrzehnt von großer Bedeutung: Der gesellschaftliche Wandel, den die Bundesrepublik nach 1968 in vielen Bereichen vollzog, betonte stärker als jemals zuvor das Gleichheitsprinzip für alle. Gleichzeit lebten viele ausländische Arbeitnehmer/-innen nun schon lange in Deutschland und waren so sehr angekommen, dass sie sich in Politik und Gesellschaft engagierten und begannen, ihre Rechte als Bürger/-innen einzufordern. Der vhs Tübingen gelang es in dieser Phase, an einigen Stellen das bürgerschaftliche Engagement von Deutschen und Nichtdeutschen miteinander zu koppeln. Sie schuf Möglichkeiten und stellte Räume zur Verfügung, durch die und in denen Bildung und Begegnung eine glückliche Verbindung eingingen.

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90er

Die 1990er Jahre: Spätaussiedler als neue Zielgruppe und weitere Vernetzung der Arbeit im Migrationsbereich

Das Brandenburger Tor am Tag des Mauerfalls
Quelle: Lear 21 at English Wikipedia, CC-BY-SA 3.0

In Deutschland standen die 1990er Jahre im Zeichen der Wiedervereinigung nach dem Fall der Mauer. Bei aller anfänglichen Euphorie wurde bald deutlich, dass das Zusammenfinden der beiden deutschen Staaten an vielen Stellen zu Problemen führte. Mit am spürbarsten für viele Deutsche in den alten wie den neuen Bundesländern war der für Nachkriegsverhältnisse beängstigende kontinuierliche Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Wirtschaftswachstum und Arbeitslosenzahlen Deutschland 1990er Jahre
Quelle: Konrad-Adenauer-Stiftung, S. 26

Sehr schnell machte man Ausländer/-innen und Flüchtlinge als Sündenböcke aus. Die Mordanschläge 1992 in Mölln und Rostock-Lichtenhagen sowie 1993 in Solingen waren das offensichtlichste Anzeichen für eine zunehmende Ausländerfeindlichkeit, die sich gegen zum Teil bereits in der zweiten Generation in Deutschland lebenden Migrant/-innen genauso richteten wie gegen Asylbewerber/-innen. Auf Regierungsebene blieb es noch weit bis in die 1990er Jahre bei der Aussage, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei. Tatsächlich war ab 1996 bis 2008 die Zuwanderung nach Deutschland rückläufig.

Asylanträge Deutschland 1990er und 2000er Jahre
Quelle: BAMF


90er

Tübingen in den 1990er Jahren

Bevölkerungsstatistik Tübingen 1990er Jahre
Quelle: Landesamt für Statistik Baden-Württemberg

Bereits im Juli 1989 waren die ersten Übersiedler aus der DDR angekommen und wurden erst einmal gemeinsam mit den dort wohnenden Asylbewerber/-innen in der Sammelunterkunft in der Thiepval-Kaserne untergebracht. Die wurde allerdings noch im selben Jahr aufgelöst und in die Landesaufnahmestelle für Aussiedler aus Gebieten der (ehemaligen) Sowjetunion umgewandelt. Bis zu ihrer Auflösung im Jahr 2000 wurden hier etwa 135.000 Deutschstämmige aus Osteuropa betreut und auf die Landkreise in Baden-Württemberg verteilt. Im Landkreis Tübingen blieben nur ca. 5.000 von ihnen.

Postkarte Französische Kaserne Tübingen
Postkarte der Französischen Kaserne aus der Nachkriegszeit
Quelle: Qwave, CC-BY-SA 3.0
Schild vor der Hindenburgkaserne Tübingen
Vor der ehemaligen Hindenburgkaserne steht immer noch dieses Schild.
Quelle: Qwave, CC-BY-SA 3.0

Ein großer Einschnitt in der Nachkriegsgeschichte Tübingens bedeutete der Abzug der französischen Garnison im Juni 1991, die zuletzt knapp 1.200 Soldaten sowie rund 600 Zivilangestellte umfasst hatte. Nicht nur, dass fast 2000 Menschen die Stadt verließen, es wurden auch Grundstücke und Gelände frei, wie die Hindenburg- und die Lorettokaserne, aber auch zahlreiche Einzelgebäude wie zum Beispiel das Offizierskasino an der Wöhrdstraße oder das Foyer an der Blauen Brücke. Tübingens Tradition als Garnisonsstadt, die 1875 mit dem Bau der Thiepvalkaserne ihren Anfang genommen hatte, ging damit zu Ende.

Die internationale Wirtschaftskrise, die Deutschland nach dem „Wiedervereinigungsboom“ einholte, wirkte sich auch in Tübingen sichtbar aus. 1992 musste Egeria und die Württembergische Frottierweberei Lustnau GmbH Konkurs anmelden, einige Jahre später wurde der Betrieb eingestellt. 2002 wurde das Fabrikgebäude und der Markenname vom türkischen Konzern Mega Tekstil übernommen, der jedoch in Tübingen nicht produziert, sondern nur verkauft. Im Februar 1993 kriselte es dann bei der Walter AG Tübingen, die mit 880 Mitarbeitern zu den größten gewerblichen Arbeitgebern der Stadt zählte – dicht gefolgt von der Firma Flender-Himmelwerk in Kilchberg, die 40 Mitarbeiter entließ. Nur einen Monat später schloss die 1888 gegründete Firma Zanker für immer ihre Tore. In den besten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Unternehmen mehr als 1.400 Mitarbeiter beschäftigt. Im Dezember 1995 stellte das Beka-Werk im Großholz die Produktion von Kochgeschirr ein. Die Firma hatte in den siebziger Jahren noch 750 Beschäftigte.

Trotz der Wirtschaftskrise bewahrte sich Tübingen seine nach dem zweiten Weltkrieg gewonnene Weltoffenheit und Toleranz gegenüber Menschen aus anderen Ländern. Am 18.11.1992, fünf Tage vor dem Brandanschlag auf die von türkischen Familien bewohnten Häuser in Mölln, folgten 6.000 Tübinger dem Aufruf des Tübinger Gesamtelternbeirats und demonstrierten gegen Ausländerfeindlichkeit. Einen Monat später wandten sich mit der „Aktion Lichterbaum“ am Österberg 8.000 Menschen gegen Fremdenhass, Gewalt und Rassismus.
1995 meldete das Nachrichtenmagazin Focus, dass Tübingen die beste Lebensqualität in ganz Deutschland biete. Möglicherweise spielte dafür auch eine Rolle, dass die Menschen in der Stadt ein entspanntes Miteinander entwickelt hatten. Viele Initiativen, in denen das Thema Migration immer differenzierter behandelt wurde, hatten ihre Anfänge in den 1980er Jahren. Zum Asylzentrum war bereits 1988 der Jugendmigrationsdienst des Diakonischen Werkes gekommen. 1989 gründeten ausländische Frauen in Tübingen die Vereinigung „Frauen International Tübingen.“1990 wurde in Tübingen eine Geschäftsstelle der seit 1981 aktiven Organisation „terre de femmes“ eröffnet.

90er

Die vhs Tübingen in den 1990er Jahren: Umzug ins Loretto

Loretto Tübingen
Die ehemalige Loretto-Kaserne ist bis heute der Sitz der vhs Tübingen

Für die Volkshochschule, die seit der Pensionierung von Gertrud Zapp 1984 von Bernhard Späth geleitet wurde, waren die 1990er Jahre nicht einfach. Zum einen platzte das vhs-Hauptgebäude „Schwabenhaus“ aus allen Nähten. Schon 1989 war das Gebäude in der Poststraße 3 für fünf Jahre angemietet worden. Nach Ablauf des Vertrages mietete die vhs 1994 Räume in der ehemaligen Lorettokaserne an. Doch 1999 verteilten sich die Veranstaltungen der vhs Tübingen auf 32 Gebäude über das ganze Stadtgebiet. Zum anderen kürzte das Land Baden-Württemberg ab 1996 die Zuschüsse in erheblichem Umfang. In dieser finanziell schwierigen Situation bot die Stadt der Volkshochschule an, die Lorettokaserne im Erbbaurecht zu übernehmen. Für die Umbaumaßnahmen, die 1996 und 1997 vorgenommen wurden, musste sie Baukredite in Höhe von 3,3 Millionen DM aufnehmen. Doch die Risikobereitschaft zahlte sich aus: Am 12. September 1998 zog die Volkshochschule in die ehemalige Lorettokaserne um, die mit rund 4.000 Quadratmetern eine siebenmal größere Nutzfläche als das alte Domizil im Schwabenhaus am Neckar besitzt.

90er

Spracherwerb als Integration in einer Zeit des Umbruchs

Die Volkshochschule Tübingen blieb dem einmal eingeschlagenen Kurs, Bildung für Integration anzubieten, treu. In den 1990er Jahren wurden die Deutschkurse ausgebaut und ausdifferenziert. Neben den inzwischen etablierten Deutsch-als-Fremdsprache-Kursen wurden anspruchsvolle Konversationskurse, die Vorbereitung auf das Große deutsche Sprachdiplom des Goethe-Instituts und Schreibtrainings angeboten. Aber auch niederschwellige Angebote zur Alphabetisierung nichtdeutscher Erwachsener standen auf dem Programm. Die Kosten für die Kurse lagen je nach Anzahl der Unterrichtseinheiten zwischen 98,00 und 392,00 DM. Der Durchschnittslohn für einen Arbeiter lag 1995 in Euro umgerechnet bei etwa 1.500,00. Es gab sowohl Vormittags- wie auch Abendkurse. 1993 wurde erstmals ein Deutschkompaktkurs am Samstag angeboten.

90er

Deutschkurse für Spätaussiedler

In den späten 1980er Jahren kamen als vorübergehend große Gruppe die Spätaussiedler dazu, für die eigene Deutschkurse angeboten wurden. Die Kurse wurden durch das Arbeitsamt finanziert und durften nur im Team unterrichtet werden. Die Teilnehmer/-innen waren Russlanddeutsche, vor allem aus Kasachstan und Usbekistan, dazu kamen deutschstämmige Zuwanderer aus Rumänien und vereinzelt auch noch aus Polen.

Karikaturen Russland-Ausstellung vhs Tübingen Karikatur Russland-Ausstellung vhs Tübingen
Teile der Russland-Ausstellung für Spätaussiedler in der vhs Tübingen der 90er Jahre

Beate Jung, die in diesen Kursen unterrichtete, erinnert sich, dass es in dort spezielle Probleme gab, etwa in Bezug auf antisemitische und rassistische Äußerungen und Alkoholkonsum. Um Aufklärung über Alkohol, Nikotin, andere Drogen, aber auch AIDS zu leisten, gab es in der vhs im Wintersemester 1990/91 eine Ausstellung auf Russisch, in der diese Probleme durch Karikaturen thematisiert wurden.

90er

Den türkischen Volksschulabschluss nachholen

Die vhs Tübingen ging auch auf Wünsche ein, die von Migrant/-innen an sie herangetragen wurden. Das zeigt ein Projekt, bei dem acht Frauen und zwei Männer aus der Türkei sich an der vhs auf den türkischen Volksschulabschluss vorbereiten konnten. Die türkische Volksschullehrerin Senel Ersoy war die Initiatorin des Projekts. Sie hatte eine Gruppe von zehn Frauen im Alter zwischen Mitte dreißig bis Mitte fünfzig kennengelernt, die fast alle bereits seit zwanzig Jahren in Deutschland lebten. In der Türkei hatten sie keine Schule besucht und sich Deutsch und etwas Lesen und Schreiben mühsam selbst beigebracht. Ihr Plan war, die fünfjährige Schulausbildung ihres Heimatlandes neben Beruf und Familie nun in Deutschland nachzuholen. Bei der Tübinger Volkshochschule fand die Gruppe Unterstützung und Räumlichkeiten. Das Unterrichtsmaterial beschaffte sich die Gruppe aus der Türkei und das türkische Generalkonsulat in Stuttgart stimmte dem Vorhaben zu. Um den Unterricht für die Teilnehmerinnen kostenlos anbieten zu können, begnügte sich die Dozentin mit einem kleinen Anerkennungshonorar der Volkshochschule. 14 Monate lang besuchten die Teilnehmerinnen jeden Samstag und Sonntag vier Stunden lang den Vorbereitungskurs. Alle bestanden den Lehrgang und erhielten vom Kulturattaché des Stuttgarter Generalkonsulats das Abschlusszeugnis überreicht. Das Projekt sollte an der vhs fortgesetzt werden, der türkische Kulturattaché wollte es zudem in anderen Städten bekannt machen. Es ist nicht bekannt, ob es irgendwo tatsächlich weitergeführt wurde.

90er

Semesterschwerpunkte zu Herkunftsländern von Migrant/-innen

Nicht nur Veranstaltungen wie die zweite „Türkische Woche“ im September 1990 befassten sich mit Herkunftsländern von Migrant/-innen, sondern auch eine Reihe von Semesterschwerpunkten. So plante die vhs Tübingen im Wintersemester 1991/92 zahlreiche Veranstaltungen zur Sowjetunion. In Vorträgen wurde über die Geschichte von Deutschen und Russen und über Reformen in der gegenwärtigen Sowjetunion informiert. Aber auch Familiengeschichten von Russlanddeutschen in Tübingen waren ein Thema.

Plakate der vhs Tübingen aus den 1990er Jahren Plakate der vhs Tübingen aus den 1990er Jahren Plakate der vhs Tübingen aus den 1990er Jahren Plakate der vhs Tübingen aus den 1990er Jahren
Plakate der vhs Tübingen aus den 1990er Jahren

Im Sommersemester 1994 folgte ein Semesterschwerpunkt mit dem Motto „Die Türkei zwischen Europa und dem Orient“, eine Kooperation mit dem Türkischen Studentenverein Tübingen e.V. Fachlich sehr renommierte Referenten wie der Islamwissenschaftler Peter Halm und der Begründer der sozialwissenschaftlichen Orientforschung Peter Pawelka trugen über den politischen Islam und die Türkei als autoritäre Demokratie vor. Die große alte Dame der deutschen Islamwissenschaft, Annemarie Schimmel, hielt einen Vortrag über „Türkische Mystiker“. Umrahmt wurde der Vortrag von der „mystischen Musik“ der Gruppe Neva und tanzenden Derwischen. Auch die in der Stadt präsente Alltagskultur wurde an einem Tag gezeigt: Türkische Frauen aus Tübingen und Umgebung stellten ihre besten Häkelarbeiten aus, die unter anderem ein wichtiger Bestandteil der Aussteuer sind, demonstrierten Arbeitstechniken und informierten über die Geschichte und Bedeutung dieser Handarbeit. Der Semesterschwerpunkt im darauffolgenden Wintersemester dehnte die Beschäftigung mit der Türkei auf den gesamten Nahen Osten aus.

Eine ebenso breit aufgefasste Bearbeitung erfuhr im Wintersemester 1997/98 Lateinamerika im Semesterschwerpunkt. Für dieses Programm kooperierte die vhs Tübingen mit einer Vielzahl von Initiativen und Organisationen und konnte so unterschiedlichste Aspekte des Kontinents in Veranstaltungen behandeln. Das Institut für Politikwissenschaft und das Geographische Institut der Universität Tübingen beteiligten sich ebenso wie der Weltladen, Transfair, Cine Latino, amnesty international, der Peru AK und die Deutsch-Kubanische Freundschaftsgesellschaft. Entsprechend breit gefächert war das Programm: Vom Frauenleben in Lateinamerika, über die Entdeckung Amerikas, Hilfe für Folteropfer bis hin zum fairen Handel reichte das Spektrum. Dazu gab es länderkundliche Vorträge über Staaten und Regionen in Lateinamerika sowie Kurse, die in die Kunst der Azteken und die Kultur der Maya, beide im heutigen Mexiko, einführten.

Die neuen Verhältnisse im ehemaligen Ostblock wurden im Frühjahr 1999 mit dem Semesterschwerpunkt „Unsere Nachbarn im Osten – Polen und Tschechien“ behandelt. Vorträge informierten über die Entwicklung in den beiden Ländern nach 1989. Polnische Lyrik und Prosa standen auf dem Programm, aber ebenso Kunst und Kinderfilme aus Tschechien.

90er

Interkulturelle Veranstaltungen

Auch unabhängig von den Semesterschwerpunkten gab es in den 1990er Jahre eine Art roter Faden, an dem entlang Veranstaltungen ins Programm aufgenommen wurden, die dazu beitragen konnten, andere Kulturen besser zu verstehen oder in denen das Verhältnis der unterschiedlichen Kulturen in Deutschland direkt zur Sprache kam. So wurde 1993 ein Kurs mit mehreren Terminen angeboten mit dem Titel „Deutsche und Ausländer – für eine gemeinsame Zukunft“. 1997 gab es einen Kurs, der unter dem Titel „Mit anderen Augen sehen – Deutschland aus schwarzer Perspektive“ für die im Alltag allgegenwärtigen Diskriminierung sensibilisierte, die Menschen mit anderen Hautfarbe erlebten. In einem „Freitagsgespräch“ ging es 1995/96 um Altern in anderen Kulturen von den USA über Kamerun und Persien bis hin zum Südsee-Atoll. Im Laufe des Jahrzehnts betrachtete die vhs zudem aus unterschiedlichen Perspektiven den Islam und die Geschichte und Gegenwart des Nahen Ostens. Aber auch die europäischen Krisengebiete wurden in Vorträgen berücksichtigt, wie etwa im Wintersemester 1994/95 die Kriege in Jugoslawien.

90er

Fazit

Die Änderungen, die der Zusammenbruch der Ostblocks mit sich brachte, spiegelten sich in den 1990er Jahren im Programm der vhs Tübingen deutlich wider. Die Herausforderung, den in einer kurzen Phase Anfang des Jahrzehnts auch in Tübingen ankommenden Spätaussiedlern spezielle Deutschkurse anzubieten, bewältigte die Volkshochschule trotz des Dauerproblems, nicht genug Unterrichtsräume zur Verfügung zu haben. In zahlreichen Veranstaltungen und zwei Semesterschwerpunkten konnten sich die Tübinger/-innen über die Herkunftsländer und deren Situation nach dem Fall des Eisernen Vorhangs informieren und auch die Betroffenen selbst konnten über ihre Lebensumstände Auskunft geben. Die Arbeit mit den Arbeitsmigrant/-innen trat deshalb aber nicht in den Hintergrund. Auch sie wurden nach wie vor auf vielfältige Art und Weise in die Arbeit der vhs Tübingen eingebunden. Verstärkt wurde bei einigen Themen die Kooperation mit Initiativen, Organisationen und Institutionen in der Stadt. Besonders deutlich tritt dies beim Semesterschwerpunkt über Lateinamerika zutage, bei dem die Volkshochschule mit einer Vielzahl von Akteuren in der Stadt zusammenarbeitete, um ein breites Spektrum an Informationsveranstaltungen, aber auch an Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen.

00er

Die 2000er Jahre: Deutschland wird offiziell Einwanderungsland

Anschlag auf das World Trade Center 9/11
Quelle: Robert J. Fisch, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 2.0
Politischer Islam
„Freedom go to hell“: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sieht sich der Westen verstärkt vom politischen Islam bedroht.
Quelle: Voyou Desoeuvre, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 2.0

Das 21. Jahrhundert begann mit einem weltweiten Schockereignis: Die Terroranschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Arlington/Virginia nahe Washington erschütterten nicht nur die USA, sondern große Teile der Weltbevölkerung. Die Angst vor dem politischen Islam mit seiner Terrorbereitschaft wurde vielfach auch auf den religiös praktizierten Islam ausgeweitet und führte auch in Deutschland zu einem Anwachsen islamophober „Haltungen“.

Wirtschaftswachstum und Arbeitslosenzahlen Deutschland 2000er Jahre
Quellen: Statista, Bundesagentur für Arbeit, S. 58
Das Gebäude der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt
Seit 1998 ist die EZB in Frankfurt die Zentralbank für alle 19 Euroländer.
Quelle: Jan Doria
Ein Euro-Starterkit aus Deutschland
Mit sogenannten Starterkits wurde 2002 der Euro eingeführt.
Quelle: Sebastian Walter, Wikimedia Commons, public domain

Mitten in dieser Krise bekamen 2002 Deutschland und elf weitere Staaten den Euro als gemeinsame Währung.


Altbundeskanzler Helmut Kohl, CDU (+) Altbundeskanzler Gerhard Schröder, SPD
1998 endete in Deutschland die Ära Kohl (oben). Sein Nachfolger, Gerhard Schröder, führte zahlreiche Reformen durch.
Quellen: Konrad Adenauer Stiftung - Marie-Lisa Noltenius, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 2.0 (oben); Olaf Kosinsky/Skillshare.eu, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0 (unten)

Politisch hatte es bereits 1998 einen Regierungswechsel gegeben. Nach 15 Jahren CDU-Kanzlerschaft von Helmut Kohl übernahm Gerhard Schröder (SPD) bis 2005 das Amt des Bundeskanzlers. Unter seiner Ägide wurden eine ganze Reihe von Reformen durchgeführt. So wurden unter dem Namen „Hartz 4“ die Arbeitslosen- und Sozialhilfeleistungen neu geregelt. Entgegen der Aussagen vieler deutscher Politiker/-innen, Deutschland sei kein Einwanderungsland, wurde die Einwanderung in das wiedervereinigte Deutschland 2005 im Zuwanderungsgesetz geregelt. Mit diesem Gesetz beginnt auch eine neue Ära bei den Deutschkursen für Migrant/-innen, denn es sah auch die Einführung der Integrationskurse vor. Die Finanzierung der Kurse ging von der Agentur für Arbeit beziehungsweise dem Sprachverband an das Bundesamt für Migration- und Flüchtlinge (BAMF). Sie mussten nun die Kriterien für den seit 2001 als Empfehlung vorliegenden Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen (GER) für Sprachen erfüllen. Die Finanzierung ist seither nicht mehr kurs-, sondern teilnehmerbezogen, was die Bürokratie deutlich anwachsen ließ.

00er

Tübingen in den 2000er Jahren: Stadt und Bürger/-innen gegen rechte Entwicklungen

Bevölkerungsstatistik Tübingen 2000er Jahre
Quelle: Landesamt für Statistik Baden Württemberg

Im September 2000 wurde die Landesaufnahmestelle für Spätaussiedler geschlossen und nach Empfingen verlegt. Der Bund verkaufte die Kaserne an die Stadt Tübingen, die 2002 mit den Sanierungsarbeiten begann, um dort das Finanzamt und Privatwohnungen unterzubringen.

Boris Palmer (Grüne), Oberbürgermeister von Tübingen, auf einem Fahrrad
Mit der Wahl des Grünen Boris Palmer zum Oberbürgermeister begann 2006 eine neue Ära in Tübingen. Das Land zog 2011 mit dem ersten grünen Ministerpräsidenten, Winfried Kretschmann, nach.
Quelle: Gudrun de Maddalena, Universitätsstadt Tübingen

Bundesweit Aufmerksamkeit erregte 2006 die Wahl des Oberbürgermeisters in Tübingen. Als dritter Grüner in ganz Deutschland wurde im ersten Wahlgang Boris Palmer in das Amt gewählt.
Im selben Jahr gab die Stadt ihr Bekenntnis zum multikulturellen Zusammenleben ab: Unter dem Motto „Vielfalt statt Einfalt“ initiierte die Stadtverwaltung ein „Internationalen Bürgerfest“, um gegen den Aufmarsch der „Jungen Nationaldemokraten“ am Hauptbahnhof zu demonstrieren. 82 Gruppen und Initiativen folgten dem Aufruf der Stadtverwaltung und beteiligten sich mit verschiedenen Aktionen in der Stadt. Nach der zentralen Kundgebung des Bürgerfestes auf dem Marktplatz standen sich auf dem Europaplatz beim Bahnhof dreieinhalb Stunden lang rund 10.000 Gegendemonstranten und 230 Neonazis gegenüber. Durch die Interventionen von Polizei und Oberbürgermeister Boris Palmer eskalierte die Lage nicht. Der Zug der Neonazis konnte friedlich verhindert werden. Ein Jahr später, im Dezember 2008, bekam Tübingen eine Integrationsbeauftragte: Susanne Omran, seit 2002 Gleichstellungsbeauftragte der Universitätsstadt Tübingen, wurde vom Gemeinderat zusätzlich zu ihrem bisherigen Amt das neu geschaffene Aufgabengebiet der Integration übertragen.

00er

Die vhs Tübingen in den 2000er Jahren: Etablierung am neuen Standort

Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte sich die vhs Tübingen am neuen Standort in der ehemaligen Loretto-Kaserne gut etablieren. Sie war räumlich besser denn je gestellt und trägt nach wie vor dazu bei, dass das städtebauliche Konzept in der Südstadt gelingt. Die Tübinger/-innen blieben ihrer vhs auch am neuen Ort treu – um die 20.000 nahmen wie bereits in den letzten Jahren im Schwabenhaus an durchschnittlich 1.700 Kursen pro Jahr teil. Wie schon zuvor trug sich die vhs finanziell zu einem erheblichen Teil aus den Teilnehmergebühren. 2006 machten sie 74 Prozent des Etats aus, aber seit dem Umzug waren davon auch die Baukredite abzutragen. 2002 hatte es nach 18 Jahren einen Leitungswechsel gegeben. Susanne Walser, die bis heute die vhs Tübingen leitet, löste Bernhard Späth ab, der seit 1984 im Amt war.

00er

Integrationskurse: ein neues Modell der vom Staat (teil-)finanzierten Deutschkurse

Als 2005 die vom Sprachverband finanzierten Deutschkurse von den Integrationskursen abgelöst wurden, zogen die Volkshochschulen deutschlandweit mit.

Der Sitz des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) mit Sitz in Nürnberg finanziert seit 2005 die Integrationskurse in Deutschland.
Quelle: Nico Hofmann, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 2.0

Das BAMF übernahm nicht nur die nun teilnehmerbezogene Finanzierung, sondern gab auch klare Vorgaben, welche Gruppen von Migranten zur Teilnahme berechtigt waren. Anfangs bekamen beispielsweise aus den neuen EU-Ländern zugezogene Menschen für mehrere Jahre keine finanzielle Unterstützung bei den Kursgebühren. Auch Asylbewerber konnten bis 2015 nicht mit staatlicher Unterstützung für den Besuch eines Integrationskurses rechnen. In diese Lücke, die der Staat hinterließ, sprangen vor allem ehrenamtliche Helfer. Nach wie vor konnten an den Integrationskursen Selbstzahler teilnehmen, welche die gesamte Kursgebühr aus eigener Tasche entrichteten. Viele Neuzuwanderer bekamen vom Staat ca. die Hälfte der Kursgebühr finanziert und mussten die Differenz ebenfalls selbst bezahlen. Die gesamte Kursgebühr wurde vom Staat nur für Teilnehmer/-innen übernommen, die bereits längere Zeit arbeitslos waren. Die vhs Tübingen sah sich mit einem erhöhten bürokratischen Aufwand konfrontiert. Zunächst übernahm eine Sekretärin die anfallenden Aufgaben, bis 2009 der gesamte Bereich „Integrationskurse und andere Deutschkurse“ aus dem Fachbereich Sprachen ausgelagert wurde und seither einen Fachbereich mit eigener Leitung bildet.
Für die Dozent/-innen in den Deutschkursen bedeutete die neue Regelung, dass sie sich innerhalb eines festgesetzten Zeitraums für die Arbeit in Integrationskursen qualifizieren mussten, indem sie an einer mehrwöchigen Fortbildung teilnahmen. Sie erhielten dann die Unterrichtsberechtigung. Mehrere langjährig an der vhs tätige Dozent/-innen ließen sich fortbilden, so dass dem Fachbereich ein erfahrener Stamm von Lehrkräften erhalten blieb.

00er

Semesterschwerpunkte als Tor zur Welt

Die vhs hielt mit einer ganzen Reihe von Semesterschwerpunkten in den Jahren zwischen 2000 und 2010 an ihrer Ausrichtung fest, über andere Länder und Kulturen zu informieren und Begegnungen zu ermöglichen. Im Frühjahr und Sommer 2002 organisierte sie gemeinsam mit Amnesty International, Terres des Femmes, DIFÄM Tübingen, der Stiftung Entwicklungszusammenarbeit Baden-Württemberg, Medico International, der Landeszentrale für Politische Bildung, den Französischen Filmtagen und vielen engagierten Einzelpersonen einen Semesterschwerpunkt zum Thema Afrika.

Plakat der vhs Tübingen aus den 2000er Jahren Plakat der vhs Tübingen aus den 2000er Jahren
Plakate der vhs Tübingen aus den 2000er Jahren

In ihm wurde die Situation in afrikanischen Ländern ebenso thematisiert wie die von Afrikanern in Deutschland. Unter der Rubrik Länderkunde gab es Vorträge über einzelne Staaten und Regionen wie den Sudan, Namibia und Marokko und dem Krieg in der Westsahara. Es gab Informationsveranstaltungen, in denen man erfahren konnte, wie man Erkrankungen auf einer Reise nach Afrika naturheilkundlich behandeln und Gesundheitsrisiken vermeiden kann. Filme und Ausstellungen beschäftigten sich mit den Themen AIDS und Genitalverstümmelungen, aber die Tübinger konnten auch Kurse über afrikanischen Tanz und afrikanische Percussion besuchen. Eine Studienreise, angeboten von der vhs, führte nach „Südafrika - Swaziland - Lesotho“.

Plakat der vhs Tübingen aus den 2000er Jahren Plakat der vhs Tübingen aus den 2000er Jahren Plakat der vhs Tübingen aus den 2000er Jahren
Plakate der vhs Tübingen aus den 2000er Jahren

Schon im darauffolgenden Wintersemester 2002/03 planten die Fachbereichsleiter/-innen einen Semesterschwerpunkt über China, in dem es um Geschichte, Politik und Wirtschaft des Megareiches ebenso ging wie um Religion und Kunst. Im Sommersemester 2004 folgte ein Semesterschwerpunkt über die „Neuen EU-Länder“, in dem die politische Situation, aber auch Kunst und Literatur dieser Ländern vorgestellt wurden und mögliche Konflikte zur Sprache kamen. Im Herbst und Winter 2005/06 stand dann Tibet auf dem Programm. In enger Zusammenarbeit mit der Tibet Initiative Deutschland und deren Regionalgruppe Neckar-Alb [https://www.tibet-initiative.de/neckar-alb/] bot die vhs eine Vielzahl von Veranstaltungen an, in denen Geschichte und Kultur des Landes vermittelt wurde sowie die aktuelle politische Situation und der Kampf um das Selbstbestimmungsrecht der Tibeter erläutert wurde.

00er

Der Afrika-Treff

Plakat zum Afrika-Treff der vhs Tübingen aus den 2000er Jahren
Einladungsplakat zum Afrika-Treff

Die Vorbereitungsaktivitäten für den Semesterschwerpunkt zu Afrika waren auch die Initialzündung für die Etablierung eines „Afrika-Treffs“ an der vhs. Reinhard W. Herrgott und Karla Pommerening luden an drei Terminen „alle Afrikafreunde, Engagierte und Interessierte zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch ein. Die Idee ist, Afrika eine Stimme in Tübingen zu geben.“ Der lockere Arbeitskreis, zu dem auch Annette Herrgott gehörte, schaffte es, den Afrika-Treff zu etablieren. Fast zwanzig Jahre lang trafen sich viermal im Semester Interessierte, um sich über Afrika zu informieren und auszutauschen. Im Sommersemester 2019 beschloss die Kerngruppe, den Afrika-Treff nicht mehr fortzuführen, weil es in den letzten Jahren schwierig geworden war, neue Interessenten über längere Zeit einzubinden und der Kreis der Teilnehmer/-innen immer kleiner geworden war.

00er

Fazit

Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends brachte der vhs Tübingen durch die Einführung der Integrationskurse spürbare Veränderungen bei den Deutschkursen. Die Mitarbeiterinnen mussten sich Expertise aneignen, um das neue standardisierte Anmelde- und Kursverfahren zu bewältigen. Die Dozent/-innen in den Deutschkursen mussten sich nach den Vorgaben des BAMF qualifizieren, um weiterhin unterrichten zu dürfen. Die vhs Tübingen bewältigte diese neuen Anforderungen gut und die Deutschkurse konnte ausgebaut werden. Mit den Semesterschwerpunkten zu Afrika, China, Tibet und den neuen EU-Ländern blieb die Volkshochschule auch in den 2000er Jahren der Zielsetzung treu, über andere Kulturen und Länder nicht nur zu informieren, sondern auch Begegnungen zu ermöglichen, zum Beispiel beim Afrika-Treff. Diese Gruppe, die sich selbst in immer mal wieder neuen Zusammensetzungen organisierte und auch die Inhalte der Treffen vorstrukturierte, bot fast zwanzig Jahre an der Volkshochschule die Gelegenheit, sich über Afrika auszutauschen und neue Informationen zu bekommen.

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10er

Die 2010er Jahre: Stabile Wirtschaft und die sogenannte „Flüchtlingskrise“

Deutschland startete in das zweite Jahrzehnt des neuen Jahrtausends im internationalen Vergleich wirtschaftlich und politisch stabil.

Wirtschaftswachstum und Arbeitslosenzahlen Deutschland 2010er Jahre
Quellen: Statista, Statista

Die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise seit 2008 stellte nicht nur Deutschland, sondern auch die Welt vor neue Herausforderungen. 2009 war die weltwirtschaftliche Produktion erstmalig zurückgegangen. Deutschland war gerade aufgrund seiner intensiven internationalen Verflechtungen von der Krise betroffen, schaffte es aber, den wirtschaftlichen Einbruch abzufedern. Schon seit dem Sommer 2009 zog die Konjunktur wieder an. Schneller als die meisten anderen Länder überwand Deutschland die Krise. All das führte dazu, dass sich auch die Zahl der Arbeitslosen kontinuierlich verringerte und die Beschäftigung wieder anstieg.

Bereits zu Beginn des Jahrzehnts hatte sich abgezeichnet, dass international ein Problem immer drängender werden würde.

Flüchtlingszahlen weltweit laut UNHCR
Quelle: UNHCR
Was sind die Ursachen der Flüchtlingskrise? Ein Essay gibt die Antwort – anhand einer simplen Tafel Schokolade.

2012 gab die UNO in ihrem Jahresbericht zum Weltflüchtlingstag bekannt, dass sich weltweit über 45,2 Millionen Menschen auf der Flucht befanden. 2018 waren es zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit über 70 Millionen. Ein kleiner Teil dieser Menschen wagte sich auf die beschwerliche Route durch die Sahara und das Mittelmeer hin zur „Festung Europa“, die damals noch durch einen Ring autoritär regierter Staaten an ihren Außengrenzen gesichert war. Diejenigen, die es nach Europa schafften, strandeten vor allem in Italien und Griechenland. Diese beiden Staaten, getroffen von der europäischen Wirtschafts- und Währungskrise, waren von der Situation zunehmend überfordert und baten ihre europäischen Partner um Hilfe. Die deutsche Bundesregierung jedoch stellte sich damals noch auf den Standpunkt der sogenannten Dublin-Regelung, wonach dasjenige EU-Land für das Asylverfahren zuständig ist, welches der Asylbewerber zuerst betreten hat. Für den EU-Binnenstaat Deutschland war das von Vorteil.

Datenquelle: UNHCR, Bildquelle: Ggia, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 2.0

Als einer der Ersten überhaupt verschaffte der 2013 gewählte Papst Franziskus, bezeichnenderweise der ersten Nicht-Europäer in diesem Amt seit mehreren Jahrhunderten, den Flüchtlingen öffentliche Aufmerksamkeit. Seine erste Auslandsreise führte ihn nach Lampedusa, wo kurz zuvor das erste große von vielen weiteren Bootsunglücken stattgefunden hatte. Ein Jahr darauf richtete er einen deutlichen Appell an die Europäische Union vor dem EU-Parlament in Straßburg:

Papst Franziskus bei seiner Mittelmeer-Rede vor dem EU-Parlament in Straßburg 2013
Quelle: © Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0
„Gleichermaßen ist es notwendig, gemeinsam das Migrationsproblem anzugehen. Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird! Auf den Kähnen, die täglich an den europäischen Küsten landen, sind Männer und Frauen, die Aufnahme und Hilfe brauchen. Das Fehlen gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Europäischen Union läuft Gefahr, partikularistische Lösungen des Problems anzuregen, welche die Menschenwürde der Einwanderer nicht berücksichtigen und Sklavenarbeit sowie ständige soziale Spannungen begünstigen. Europa wird imstande sein, die mit der Einwanderung verbundenen Problemkreise zu bewältigen, wenn es versteht, in aller Klarheit die eigene kulturelle Identität vorzulegen und geeignete Gesetze in die Tat umzusetzen, die fähig sind, die Rechte der europäischen Bürger zu schützen und zugleich die Aufnahme der Migranten zu garantieren; wenn es korrekte, mutige und konkrete politische Maßnahmen zu ergreifen versteht, die den Herkunftsländern der Migranten bei der sozio-politischen Entwicklung und bei der Überwindung der internen Konflikte - dem Hauptgrund dieses Phänomens - helfen, anstatt Politik der Eigeninteressen zu betreiben, die diese Konflikte steigert und nährt. Es ist notwendig, auf die Ursachen einzuwirken und nicht nur auf die Folgen.“

Doch es kam anders: Im Herbst 2015 brach das europäische Asylsystem, das auf der Dublin-Regelung basierte, komplett zusammen. Die deutsche Bundesregierung sah sich veranlasst, ca. 800.000 Flüchtlinge aufzunehmen, um eine humanitäre Notlage an den deutschen Grenzen zu vermeiden. Der Staat jedoch war auf diesen Ansturm nicht vorbereitet, das BAMF völlig überfordert. Gleichzeitig schlossen die Länder der Balkanroute, über welche die Flüchtlinge gekommen waren, ihre Grenzen. Rund 30 Jahre nach dem Schengener Abkommen wurden in Europa wieder Zäune gebaut und Grenzkontrollen eingerichtet.

Ankunft von Flüchtlingen am Hauptbahnhof in München im Sommer 2015
Am Münchner Hauptbahnhof kommen im Sommer 2015 Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, an. Sie werden euphorisch begrüßt.
Quelle: Wikilovo, MagentaGreen, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 4.0
Refugees Welcome
Refugees Welcome war der Slogan der Willkommenskultur.
Quelle: Ithmus, flickr.com, CC-BY-SA 2.0

Die deutsche Bevölkerung reagierte mit einer nie dagewesenen Willkommenskultur, die von Ehrenamtlichen und Institutionen getragen wurde. Umfragen zufolge engagierten sich 55 % aller Deutschen direkt oder indirekt für die Flüchtlingshilfe.

Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs
Quelle: © Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)
Alexander Gauland und Alice Weidel in der AfD-Fraktion im Bundestag Brennende Asylunterkunft
Quellen: oben: Image: Olaf Kosinsky (kosinsky.eu)Licence: CC BY-SA 3.0-devia Wikimedia Commons; unten: Wiesbaden112.de, flickr.com, CC-BY-NC-ND 2.0
PEGIDA-Demo in Dresden Demo für die Willkommenskultur
Zahlreiche Demonstrationen wie PEGIDA einerseits (oben) und für Flüchtlinge andererseits (unten) sind Ausdruck der gesellschaftlichen Polarisierung in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre.
Image: Olaf Kosinsky (kosinsky.eu)Licence: CC BY-SA 3.0-devia Wikimedia Commons

Nach der Silvesternacht von Köln 2015/16 kippte jedoch die Stimmung. Die Politik reagierte mit zahlreichen Asylrechtsreformen, die teilweise überhastet stattfanden, konnte jedoch nicht verhindern, dass 2017 mit der AfD erstmals seit Kriegsende eine Partei rechts der Union in den Bundestag einzog.
Gleichzeitig debattierte das Land über Fragen der Identität und Zugehörigkeit, der Heimat und des Islams.
Das gesellschaftliche Klima spaltete sich entlang der Flüchtlingsfrage – ein Riss, der auch mitten durch Familien und Freundschaften ging und sich in der Entwicklung des Parteiensystems widerspiegelt.
Auf lokaler Ebene erfahren und erfuhren Flüchtlinge und ihre Unterstützer physische und psychische Gewalt. Zum ersten Mal seit den 1990er Jahren gab es wieder Brandanschläge auf Asylunterkünfte. Politikerinnen und Politiker, die sich öffentlich für die Aufnahme von Flüchtlingen einsetzten, wurden bedroht und zum Rücktritt gezwungen, Opfer von Attentaten oder gar ermordet, wie der Bürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth (2015), die spätere Oberbürgermeisterin von Köln, Henriette Reker (2015) und der Regierungspräsident von Kassel, Walter Lübcke (2019).

Quartalsweise Ergebnisse von Union, Grünen und AfD im ARD-Deutschlandtrend seit 2013
Die gesellschaftliche Polarisierung der 2010er Jahre wird im Parteiensystem sichtbar: die beiden Gegenspieler Grüne (pro Flüchtlinge) und AfD (anti Flüchtlinge) erstarken nahezu parallel, während die Union als integrierende Kraft der Mitte konstant an Rückhalt verliert.
Quelle: ARD-Deutschlandtrend

Das BAMF schaffte es allerdings durch Personalneueinstellungen, den Asylstau zu verringern. Viele Flüchtlinge sind jetzt anerkannt und stehen in Arbeit oder Ausbildung. Dass das BAMF 2015 die Integrationskurse auch für Asylbewerber öffnete, schuf eine wichtige Voraussetzung dafür. Die Frage einer einheitlichen europäischen Flüchtlingspolitik bleibt jedoch bis heute offen.

Eine ausführlichere Darstellung der Flüchtlingskrise lesen Sie hier.

Eine satirische Darstellung der Flüchtlingsdebatte finden Sie in einem Video von extra3, Heinz Strunk und Revolverheld bei Youtube.

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Tübingen in den 2010er Jahren: kommunales und bürgerschaftliches Engagement für Flüchtlinge

Bevölkerungsstatistik Tübingen 10er Jahre
Quelle: Landesamt für Statistik Baden-Württemberg

Tübingen stand in den 2010er Jahren wirtschaftlich ebenfalls auf sicheren Beinen: Die Stadt konnte 2013 mit 48 Millionen Euro einen Rekord bei den Gewerbesteuereinnahmen verzeichnen und überholte erstmals in der Geschichte die Nachbarstadt Reutlingen. Auf den Zuzug von Flüchtlingen seit 2015 reagierten Stadt und Landkreis schnell und effektiv. Bereits im Oktober 2015 setzte sich das Landratsamt beispielsweise mit den Bildungsträgern, die Deutschkurse im Programm hatten, an einen Tisch, um kurzfristig für eine „sprachliche Erstversorgung“ der Flüchtlinge zu sorgen. Ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung zeigt, dass für eine relative kleine Kommune zwar viel zu tun war, aber auch hier wurden Landkreis und Kommune sehr intensiv von ehrenamtlich Aktiven unterstützt.

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Die vhs Tübingen in den 2010er Jahren: Praktizierte Willkommenskultur

Die Deutschkurse hatten in den 2010er Jahren an der vhs weiterhin eine hohe Bedeutung. Doch nicht bei den Sprachkursen, sondern auch in der Volkshochschule als Institution spielte Interkulturalität eine immer wichtigere Rolle. 2015 nahm sie in ihr Leitbild auf:

„Unser Verständnis von Interkulturalität, Integration und Inklusion beruht auf den Menschenrechten. Eine selbstbewusste Gesellschaft ist offen: Sie versteht Integration als gegenseitige Chance und nicht als Bedrohung. Integration heißt nicht Aufgabe der eigenen kulturellen Identität, weder der einen noch der anderen Seite. Inklusion bedeutet für uns, dass wir Menschen unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft, von Religionszugehörigkeit oder Bildung, von eventuellen Behinderungen oder sonstigen individuellen Merkmalen Bildung nach ihren Bedürfnissen anbieten. Interkulturelle Öffnung und Inklusion sind Konzepte, die alle Bereiche unserer Arbeit durchdringen.“
Integrationskurs an der vhs Tübingen

Der erste Semesterschwerpunkt nach einigen Jahren Pause hatte im Frühjahr 2015 das Thema „Willkommenskultur“ und bot von Vorträgen über unterschiedliche Aspekte von Willkommenskultur bis hin zu einer Schreibwerkstatt für Migrant/-innen und Workshops zu interkultureller Kommunikation eine breite Palette von Veranstaltungen zum Thema Ankommen und Aufnehmen an.
Als im Herbst 2015 die ersten Flüchtlinge in Tübingen ankamen, gehörte die Volkshochschule zu den Bildungsträgern, die sich an den Kursen zur „sprachlichen Erstversorgung“ beteiligten. Sie stockte zudem bereits im Wintersemester die Integrationskurse leicht auf, doch 2015 blieb es bei 69 Kursen dieser Kategorie mit 1.061 Teilnehmer/-innen. 2016 fanden bereits 117 Integrationskurse mit 1.887 Teilnehmer/-innen statt. Bei den Kursen gab es 2017 noch einmal eine Steigerung um neun Kurse, doch die Teilnehmerzahlen waren etwa gleich. Erst 2018 reduzierte sich die Zahl der Kurse auf 103, allerdings stiegen die Zahlen der Kursbesucher auf 1.975.
Zu bewältigen war diese fast Verdoppelung von Kursen und Teilnehmenden nur durch einen Ausbau des Fachbereiches Integration/Deutsch. Waren bis 2015 eine Fachbereichsleiterin und eine Sachbearbeiterin in dem Bereich beschäftigt, so sind es nun zwei Leitungen und zwei Sachbearbeiterinnen. Bei den Dozent/-innen gab es einerseits einen großen Wechsel und andererseits zahlreiche Neueinstellungen. Einige Dozent/-innen verließen die Volkshochschule ab 2015 altersbedingt. Für eine ganze Reihe erfahrener Deutschlehrer/-innen bot sich nach 2015 aber auch die Chance, an staatlichen Schulen, die ebenfalls viele Lehrkräfte benötigten, in feste Anstellungen zu kommen, um Flüchtlingen Deutschunterricht zu geben. Doch auch dieser personelle Umbruch konnte in relativ kurzer Zeit bewältigt werden und heute ist wieder ein stabiler Stamm an Deutschdozent/-innen an der vhs Tübingen tätig.

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Folklang – Interkultureller Austausch durch Musik

Bläser von Folklang

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Folklang - ein internationales Orchesterprojekt

Folklang ist ein ungewöhnliches Orchester: insgesamt 84 Menschen aus 18 verschiedenen Herkunftsländern musizierten 2017 bei den viertägigen Workshops gemeinsam. Sie waren zwischen zwölf und 73 Jahre alt und kamen aus allen Schichten der Gesellschaft. Das Projekt startete offiziell am 1. Juli 2015 und wollte einen Rahmen für interkulturelle Begegnungen durch gemeinsames Musizieren schaffen. Bei den wöchentlich stattfindenden Proben, den Tunelearning Sessions, wird gemeinsam traditionelle Musik aus den Herkunftsländern einstudiert – durch Zuhören und Nachspielen ohne Noten. Durchschnittlich nahmen 45 Menschen daran teil. Sie stellten ein traditionelles Volkslied aus ihrer Herkunftskultur vor und übten es dann gemeinsam mit den anderen auf Instrumenten aus der ganzen Welt nach Gehör ein. Sie konnten dabei persönliche Erinnerungen und Geschichten austauschen und einen wichtigen Aspekt ihrer kulturellen Identität mit der Gemeinschaft teilen – und bei den öffentlichen Konzerten mit dem begeisterten Publikum.

Bläser von Folklang

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Folklang an der vhs Tübingen

Von 2015 bis Ende 2017 war das Projekt unter der Leitung von Kathryn Döhner an der vhs Tübingen angesiedelt. Es wurde vom BAMF und von der Universitätsstadt Tübingen finanziell unterstützt. Das Orchester, das bei seinen Konzerten das Publikum gleichermaßen emotional berührt und musikalisch mitreißt, erhielt während seiner Zeit an der Volkshochschule Tübingen drei Auszeichnungen: 2016 kam es auf den zweiten Platz des Integrationspreises der Universitätsstadt Tübingen, 2017 erhielt es für das pädagogische Konzept den Sonderpreis des Landeswettbewerbs Folk-und Weltmusik und im Mai desselben Jahres wurde es zum Integrationsprojekt des Monats beim BAMF erklärt.

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Folklang im Verein Klangfolk e.V.

Folklang

Als das Projekt Ende 2017 die vhs Tübingen verließ, setzte sich diese Erfolgsgeschichte fort. Schon im Juli 2017 war als neues Dach des Orchesters der Verein Klangfolk e.V. gegründet worden. Die Universitätsstadt Tübingen unterstützte Folklang 2018 noch einmal mit einer einmaligen Projektförderung. Abgesehen davon konnte das Projekt bis Ende des Jahres ohne weitere öffentliche Förderung fortgesetzt werden. Von 30. Mai bis 01. Juni 2018 fand das Folklang-Festival Mini-Ethno in Tübingen statt, an dem 104 Musiker/-innen aus 26 unterschiedlichen Herkunftsländern teilnahmen. Entsprechend groß war das Orchester bei Abschlusskonzert. Aus finanziellen Gründen pausiert Folklang 2019.

Ein Video sagt mehr als tausend Worte – sehen Sie eine Aufnahme von Folklang bei Youtube.

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Tübinger Türen: ein Projekt der vhs Tübingen zur Integration von geflüchteten Menschen in den Arbeitsmarkt

Tübinger Türen

2018 startete an der vhs Tübingen das Projekt „Tübinger Türen“, das von der Universitätsstadt Tübingen gefördert wird. Sein Ziel ist es, geflüchtete Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Viele Flüchtlinge, die hier leben, möchten in Tübingen und Umgebung bleiben. Sie stehen jedoch vor zahlreichen Herausforderungen: zu geringe Deutschkenntnisse, fehlende schulische und berufliche Qualifikationen und Unsicherheiten bei den kulturellen und rechtlichen Rahmenbedingungen.
Hier versuchen die Tübinger Türen, Abhilfe zu schaffen. Sie unterstützen bei der beruflichen Qualifizierung und erhöhen die Beschäftigungsfähigkeit und damit die Chancen auf soziale Teilhabe. Das Projekt bietet beispielsweise verschiedene berufsqualifizierende Module an, die zugewanderte Arbeitskräfte fit für den Arbeitsmarkt machen – angefangen bei der digitalen Qualifizierung bis hin zum Umgang mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zum Geld, zum Zahlungsverkehr und viele weitere. Die Kurse sind kostenlos und stehen auch anderen Weiterbildungsträgern zur Verfügung.
Geflüchtete Frauen erhalten besonders viel Unterstützung, zum Beispiel durch kostenlose Beratungen. Den Auftakt dazu bildete im Februar 2018 der „Frau macht schlau“-Tag an der vhs Tübingen. Der erste Integrationskurs nur für Frauen in Tübingen wurde durch Betreiben der Tübinger Türen eingerichtet. Auch Computerkurse speziell für Frauen wurden entwickelt und durchgeführt. Bis Ende 2018 nahmen über 120 Frauen an diesen Deutsch- und Computerkursen teil.
Bei den Job-Speed-Matchings, die bisher zweimal stattfanden, können die Teilnehmer/-innen Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern knüpfen, aber auch überhaupt Informationen über den Tübinger Wirtschaftsraum bekommen. An den Matchings nahmen jeweils 15 Firmen und über 100 Jobsuchende teil.
Ein wichtiges Medium der Tübingen Türen ist die Homepage. Sie vernetzt und veröffentlicht bestehende Angebote und informiert darüber, wo und von wem Flüchtlinge möglichst passgenaue Unterstützung erhalten können. Die Termine der Bewerbungswerkstatt für Flüchtlinge, die in Kooperation mit dem Asylzentrum angeboten werden, gehören genauso dazu wie Tipps von Flüchtlingen für Flüchtlinge, wie man Arbeit finden kann oder Informationen über Ausbildungsstipendien.

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Fazit

Die Offenheit einer Gesellschaft hängt sehr stark von ihrer Fähigkeit und ihrem Willen ab, ein Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zu ermöglichen. Das thematisierte die vhs Tübingen bereits vor dem Höhepunkt der sogenannten „Flüchtlingskrise“ mit ihrem Semesterschwerpunkt „Willkommenskultur“ und ihrer alltäglichen Bildungsarbeit. Dazu gehört auch die Aufnahme der interkulturellen Öffnung in ihr Leitbild.
In einer Phase, in welcher der Bedarf in kurzer Zeit stark anstieg, hat sie die Zahl der Integrationskurse fast verdoppelt. Um auch auf anderen Ebenen den Austausch und die Ausdrucksmöglichkeiten zu stärken, initiierte sie das Projekt Folklang. Dort können Musiker/-innen aus aller Welt ihre Traditionen und musikalischen Erfahrungen miteinander teilen. In der beruflichen Bildung tragen die Tübinger Türen dazu bei, dass sich Flüchtlinge qualifizieren können, vielfältige Unterstützung bei der Jobsuche erhalten und sozial teilhaben können.

Aus zahlreichen Heimatvertriebenen, Gastarbeitern und Flüchtlingen sind heute Ehepartner, Nachbarn und Freunde geworden. Viele blieben auf Dauer und bekamen Kinder. Die zweite und die dritte Generation der Zuwanderer begann schon vor langem, die Vergangenheit ihrer Vorfahren zu erforschen. Einen Eindruck davon gibt der Text „Ein europäischer Enkel“, der von einem Enkel eines Italieners stammt, der in den 1950er Jahren nach Deutschland kam. Er stellt die Frage, was es 2019 bedeutet, Nachfahre eines Gastarbeiters zu sein.